суббота, 20 февраля 2010 г.

Warum ich meine deutschen Texte trotz Allem im Netze belasse

Raymond

Deutsche Belletristik schreib ich schon seit Monaten keine mehr; höchstens, daß ich bereits Geschriebenes überarbeite. Von meiner vorhandenen Belletristik ist aber sehr vieles in Klamurke, Sprachenportal und an sonstigen leicht zugänglichen Orten im Internet veröffentlicht.

Als vor Kurzem in Deutschland der Texteklau, so er durch einen soliden etablierten Verlag und, allgemein, die Institution des etablierten Kulturbetriebs, abgesegnet ist, zur Kunst ernannt wurde – spielte ich ganz selbstverständlich mit dem Gedanken, all diese veröffentlichte deutsche Belletristik aus dem leicht beklaubaren Netze wieder zu entfernen, aufdaß sie nicht Gefahr laufe, auf solchen neu erschlossenen Wegen jenem mir suspekten Kulturbetrieb einverleibt zu werden.

Jener offizielle Kulturbetrieb ist ja bei näherem Hinsehen, zumindest für diejenigen, die noch nicht völlig erblindet sind, nichts anderes als ein alles geistige Leben und Streben und alle von dem einstigen „Volke der Dichter und Denker“ noch übriggebliebenen Überreste beiseitedrängendes und zersetzendes Karzinom. Das hat sich nun mal so entwickelt, über erste zarte Ansätze von Verdrängen der Kultur durch Nachahmen von Kultur, bis hin zu dem heutigen ratlosen Wirrwarr; kann man nix machen, außer halt – sich weitmöglichst davon fernhalten.

Endlos weitergehen kann det ja sowieso nicht mit diesem Karzinom, da – entgegen der Sichtweise eines einstmals auch in Russisch viel zitierten deutschen Denkers – das Bewußtsein das Sein bestimmt und da verwirrtes Bewußtsein auf Dauer nur Wirrnisse schaffen kann. Das immer komplizierter werdende soziale und wirtschaftliche Geschehen, welches nur durch bewußt durchblickende, bewußt zusammenwirkende mündige Einzelne sich sinnvoll weiterentwickeln kann, wird bei dem ins Kraut schießenden wirren Herdenbewußtsein unweigerlich ins Chaos übergehen (erste Anzeichen zu solchem sind nicht zu übersehen); höchstens, daß dem Ganzen ein Korsett aus totalitären, polizeistaatlichen Strukturen verpaßt wird und dass es in solchem Korsett, in maschineller Nachahmung von Leben leblos eine zeitlang noch weiterexistiert (auch hierzu gibt es erste Anzeichen).

So viel zu dem karzinösen offiziellen Kulturbetrieb: da es mir, eben, sehr unangenehm wäre, wenn Belletristik aus meiner Feder auf den Wegen der neu entdeckten Texteklaukunst plötzlich in diesen Morästen auftauchen würde, spielte ich also mit dem Gedanken, sie aus dem Netz zu entfernen.

Aber ich lasse sie trotzdem drin. Basta.

Erstens sind meine Texte möglicherweise eh nicht das, was Texteklauer sich wünschen (obwohl auch ich, einige Jahre sind's her, schon beklaut wurde); zwotens würde ich mich im Falle eines Falles natürlich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zur Wehr setzen; und drittens und zur Hauptsache: Zum Teufel mit diesem Karzinom, mit diesen Morästen! Veröffentlicht ist das alles für einen kleinen Kreis von Freunden und Freundinnen sowie solche, die es werden wollen; was soll ich wegen der uns umgebenden Idiotie meinen Freunden entziehen, was ihnen Spaß macht zu lesen?

Lassen wir es also drin und machen frischfrommfröhlichfrei weiter!

Prost

Raymond




Nachbemerkung:

Von einem Freund erhielt ich zu diesem Blogeintrag eine Zuschrift, die Anlaß gab zu Präzisierungen. Eigentlich hatte er sich im Blog äußern wollen, hatte dann aber keine Lust, sich extra zu registrieren (hab inzwischen, nebenbei bemerkt, die Einstellungen geändert, so daß Registrieren nicht mehr nötig ist). – Seien denn hier Auszüge aus seinem Schreiben wiedergegeben, zusammen mit meinen – leicht modifizierten und erweiterten – Antworten:

♦♦♦

„Ein wuestest Schimpfen, denke ich, wie ich es mag, hier aber arg neben der Sache.“

*

Ich schimpfe nicht; ich schreib nur in aller Lockerheit, wie ich die Dinge sehe. Das ist alles so selbstverständlich festgefahren und komisch, daß man schon gar nicht mehr schimpfen möchte. – Schimpfen tat ich früher gelegentlich, als die Sache mir noch nicht so plastisch war.

♦♦♦

„M., die nicht nur Russin, sondern auch Juristin ist, gab sich amuesiert. Das deutsche Urheberrecht, meint sie, sie hundertmal strenger als das russische. Das russische Feuilleton hingegen habe die Idee des geistigen Eigentums noch nicht einmal begriffen.

Russland sei das Land der Raubkopierer, kein Land fuer Leute, die nicht wollen, dass man ihre Melodien auf der Strasse pfeift. Waehrend in Deutschland diese Idee schon bald 250 Jahre alt ist. Ich weiss nicht, ob das stimmt.

F.’s russische Kollegin bestaetigt es aber. Original- Lehrbuecher haette sie in der Erwachsenbildung in Moskau kaum je gesehen, immer nur geklaute Kopien - was sich in Deutschland keiner mehr traut.“

*

Daß die Russen das mit dem Urheberrecht nicht so genau nehmen – weiß ich. Aber die Russen klauen einfach, ohne daß sie das Klauen zur Kunst ernennen würden. Und vor allem haben die Russen, im Allgemeinen, noch mehr Respekt davor, daß richtige Literatur, richtige Kunstwerke eng mit der Persönlichkeit, der Entwicklung desjenigen verbunden sind, der sie schafft. Fremde Texte unter seinem eigenen Namen herauszubringen ist in Rußland nicht ganz so verbreitet wie in Deutschland (zur Sowjetzeit war das schon verbreitet – siehe etwa die Problematik um den „Stillen Don“ – doch hatte das ganz andere Gründe). Die Russen sind auch noch nicht in dem Maße, wie das im Westen der Fall ist, von jenem bildungsphilisterhaften Kulturbegriff durchdrungen; man ist da in der Regel ganz anders mit der „Substanz“ des Gelesenen verbunden. – In Deutschland und Umgebung wurde die Literatur, wie überhaupt der gesamte Kulturbetrieb, unter dem Einfluß des Bildungsphilistertums zu einer belanglosen – wennauch in ihrer Belanglosigkeit tierisch ernst genommenen – Spielerei. Und diese Spielerei ist so dämlich, daß ich daran nicht teilhaben möchte; auch nicht mit aus meinen Vorräten geklauten unter fremdem Namen veröffentlichten Texten.

♦♦♦

„Mir ist das, wie ich dir ja schrieb, politisch egal. Ich erwarte mir nichts von Staaten und ihren Rechtssystemen.

Ich kann mir bloss Kunst als Eigentum aesthetisch nicht vorstellen, habe nie einen Weg dahin gesehen. Deine Arbeiten finde ich zu gut, um sie mit deiner Rechts- auffassung in Einklang bringen zu koennen. Ich weiss nicht, wie du das schaffst - ob ueberhaupt, man kann ja mehr sein als einer.“

*

Daß meine Texte ohne mein Wissen und ohne daß ich finanziell davon profitieren würde, gelesen, weitergegeben werden – da habe ich nicht das geringste dagegen einzuwenden; wäre es anders, würde ich sie nicht ins Netz setzen, sie teilweise sogar in bequem auszudruckende und weiterzugebende PDF-Dateien packen. Ich mach sie tatsächlich ganz offen der Öffentlichkeit zugänglich, veröffentliche sie: damit, wem das interessant ist, es lesen und, nach Lust und Laune, auch an andere weitergeben kann.

Was ich aber unter keinen Umständen möchte: daß irgendwelche analphabetische Ehrgeizlinge sich mit meinen Texten schmücken, sie als dir ihrigen ausgeben. Diese Texte sind Produkte oder Nebenprodukte eines nicht ganz einfachen Entwicklungsweges; einen solchen Mißbrauch empfinde ich als tiefe Beleidigung, gegen die ich mich gegebenenfalls zur wehr setzen würde. Ich sehe das Copyright mehr von der Seite des Persönlichkeitsschutzes, weniger von der Seite des Finanziellen (wobei es mich natürlich zusätzlich noch ärgern würde, wenn irgendwelche Texteklauer mit meinen Texten verdienen würden, während ich selbst sehen muß, wie ich über die Runden komme).





Nachbemerkung zu obiger Nachbemerkung:

Für mich waren die oben beantworteten Einwände ein willkommener Anlaß, meine Sichtweise zu präzisieren und meine Auffassung von Schreiberei, Schutz geistigen Eigentums, Arbeit und Einkommen usw… bewußter in den Griff zu kriegen.

Für die paar wenigen, denen det sonst noch interessant sein könnte, wieauch für mich selbst hab ich das dann stichwortartig noch mal im klamurkischen Blog aufgegriffen; womit das Thema ad acta gelegt sei (es sei denn, es tritt der unwahrscheinliche Fall ein, daß sich daraus noch Gespräche entwickeln). In einer gesunden kulturellen, sozialen Situation wäre der skizzierte Themenzusammenhang „schreiberisches Produzieren – Schutz geistigen Eigentums – Persönlichkeitsschutz – Verhältnis zwischen Arbeit und Einkommen“ vermutlich ein Gesprächsthema von allgemeinem Interesse (es sei denn, die Situation wäre in solchem Maße gesund, daß darüber Klarheit herrscht und bereits entsprechende Einrichtungen geschaffen wurden); aber die kulturelle, soziale Situation iss nu mal in solchem Maße nicht gesund, daß die meisten vermutlich nicht einmal verstehen, was gemeint ist.

Aber das macht ja nichts. Hauptsache, das Leben iss lustig.

Prost

Raymond



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